Nichts läuft so wie es sollte.
Gerade ist noch Beebee vorbeigekommen und hat furchtbar rumgenervt mit ihrem blöden Gezicke. Wieso kapieren manche Leute nicht, wann sie gerade unerwünscht sind? Ich habe das Gefühl, ich sollte mich auf etwas anderes konzentrieren, nicht irgendwelchem Geschwafel von Beebee mir reinziehen. Die sowieso nur Dawna verletzen will – hey, ich bin mir sicher, dass Miley überhaupt gar nichts von Beebee will. Auch wenn mir Dawna das nicht glaubt … ist momentan sowieso alles vollkommen egal. I
ch fürchte mich vor Dawnas Geburtstag.

Ich spüre tief in mir drin, dass ich alles, was ich wissen muss, bereits weiß. Granny hat uns alles gelehrt, was wir wissen müssen. Nichts davon ist offensichtlich in meinem Wissen verankert … es ist viel tiefer in mir drin, als alles andere, was ich jemals gelernt habe. Es ist wie das Wissen wie man atmet, wie man läuft, wie man spricht. Man muss nicht darüber nachdenken, man tut es einfach. Jetzt weiß ich, dass ich dort draußen gebraucht werde, draußen auf dem Friedhof, dort, wo der Grabengel liegt. Der Grabengel, der stehen sollte. Nur wir und niemand anderer können dort wieder die Ordnung herstellen, die Granny immer hergestellt hat.
Nur wir, denke ich, und ich weiß, dass es stimmt …

24. August

Die Angst bohrt sich durch meinen Körper wie eine glühende Schlange. Wo bist du Dawna? Jetzt, wo das Fieber gesunken ist, kann ich nur noch Scheiße, scheiße, scheiße, denken. Kannst du nicht auf mich warten? Du kannst unmöglich alleine gegen diese Engel … Ich ziehe meine nassgeschwitzte Kleidung aus, lasse sie einfach auf den Boden fallen, stehe vor dem alten Kleiderschrank. Wie von selbst scheint die Tür aufzugehen und ich sehe die Spitzenborten eines schwarzen Kleides herausquellen. Das Kleid meiner Ururgroßtante. Emma Spencer. Langsam gleiten meine Finger über den Stoff …

“Ich zeige dir etwas”, flüstert er mit seiner tiefen Stimme. “Komm mit mir…” Ich darf nicht, denke ich mir, aber ich will. Oh ja, und wie ich will. Alle meine Sinne scheinen geschärft zu sein, ich spüre die Bewegungen des schwarzen Pferdes unter mir, die Wärme des Körpers, die starken Muskeln. Wir reiten immer schneller, scheinen über die Kiesfläche zu fliegen bis wir in die grüne Düsternis des Waldes eintauchen. Das Pferd wird langsamer, es geht im Schritt. Es ist ein Traum, ermahne ich mich. Nur ein Traum. Trotzdem denke ich plötzlich an Dawna. Ich darf nicht zu weit weg von Whistling Wing. Dawna, wo bist du? Ich spüre, dass sie genausowenig wie ich auf Whistling Wing ist.
Sie hat einen Entschluss gefasst, während sie mich dort liegen sah, verletzt, fiebernd. Und nun denkt sie, dass sie alleine etwas unternehmen wird. Ich drücke mich von Gabes Rücken weg. Wir müssen umkehren, denke ich mir.

Wohin führt dieser Ritt? Noch tiefer in den Schlaf, noch weiter in das Fieber, das immer mehr von meinem Körper Besitz ergreift? Oder wird es langsam Wirklichkeit? Ich lege meine Wange an seinen Rücken, verschränke meine Finger vor seinem Bauch und meine, seinen Herzschlag zu spüren. Dann galoppiert der Schwarze an, mit gleichmäßigen, kraftvollen Sprüngen verlässt er immer mehr die vertraute Umgebung. Ich höre nur auf das Herz von Gabe, das genauso kraftvoll schlägt, das für mich schlägt, so wie meines für ihn. Ich fühle mich so sicher, als könnte mir nichts auf der Welt etwas anhaben. Wann war das das letzte Mal so, flüstert es in mir. Wann? War es, wenn Grannys Hand sich um meine schloss? Noch fester drücke ich mich an Gabes Rücken und schließe meine Augen. Nichts will ich mehr wissen, bis in alle Ewigkeit will ich mit ihm so reiten.

Gabe reicht mir seine Hand, noch zögere ich einen Moment, obwohl ich weiß, dass ich ihm meine reichen werde. Ich weiß, wie es sich anfühlt, wenn wir uns berühren. Seine Haut ist so warm, die Berührung ist elektrisierend, und wenn ich ihm zu nahe bin, meine ich, nicht mehr klar denken zu können. Als ich zögere, höre ich sein Flüstern, nah an meinem Ohr … Du bist die einzige Frau in meinem Leben. Du bist der Sinn meines Lebens. Ich liebe dich, Indie.
Wie magnetisch von ihm angezogen hebe ich meine Hand, unsere Finger berühren sich, seine Finger umschließen warm und kräftig mein Handgelenk. Mühelos zieht er mich nach oben, ich schwinge mich hinter ihn auf den Rücken des Schwarzen und umschlinge mit meinen Armen seinen Bauch. Ist es wirklich nur ein Traum? Ist es nur das Fieber, das immer wieder von meinem Körper Besitz ergreift??

Vor uns steht der Schwarze, und mir ist plötzlich nicht mehr klar, ob es ein Traum ist oder nicht, ob ich in meine Bettdecke verheddert bin, oder ob sich Schlingpflanzen um meine Beine wickeln. “Komm mit mir”, flüstert der Wind, er bläst in die Mähne des Schwarzen. Das Fell des Pferdes schimmert so dunkel, die Haltung des Pferdes ist plötzlich stolz und edel. Er wartet auf uns, auf Gabe und mich. Wir laufen auf ihn zu, im nächsten Moment sitzt Gabe schon auf seinem Rücken. Wie hast du das geschafft, frage ich ihn, aber es kommt kein Ton über meine Lippen. Er beugt sich zu mir hinab, und streckt mir seine Hand entgegen. Ich sehe seine Muskeln, sie sind wie gemeißelt. Mein Blick gleitet zu ihm hinauf, unsere Blicke finden sich und ich spüre sein Lächeln wie eine Berührung. Komm Indie, scheint er damit zu sagen. Komm mit mir …

Der Traum war so realistisch, dass ich noch immer meine, seine Hand zu spüren, die sich um meine schließt. Nimm mich mit, höre ich mich flüstern. Nimm mich mit, egal wohin. Seine Hand schließt sich noch fester um meine, und meine Füßen beginnen sich von selbst zu bewegen. Wir laufen so mühelos, wie man nur im Traum laufen kann, die Stufen der Veranda hinab, über den Hof, unter dem Himbeerbaum hindurch. Und bald ist die weite Ebene vor uns, die Wüste, und wir laufen und laufen, mein Herz hüpft vor Freude. Gabe, wispert es in mir. Gabe, wohin gehst du mit mir?

Schon wieder bin ich eingeschlafen, war es wieder ein Fieberschub? Oder habe ich ihn tatsächlich gesehen? Gabe … Wie kann so ein düsterer Kerl wie er so ein verdammt süßes Lächeln auf den Lippen haben? Wenn ich dir in die Augen sehe, dann kann ich nicht anders, meine ich ihn raunen zu hören. Du zauberst dieses Lächeln, meine kleine Indie …
Ich kann meine Augen kaum offen halten, Das Fieber steigt schon wieder. Ich verheddere mich in meine Bettdecke und kann nicht mehr klar denken. Dawna, verdammt, Dawna, wo bist du? Bist du es, die meine Hand hält? Ist es Mum?

23. August

Meine Schulter schmerzt wie Hölle. Es fühlt sich an, als hätte mich tatsächlich die Kugel eines Gewehrs getroffen, ich spüre das Fieber, die Schmerzen, alles in mir scheint verlangsamt zu sein. Vor meinem Auge sind immer nur tätowierte Federn. Feder. Federn. Schwarze Federn, überall. Und ich weiß, sie gehören alle zusammen. es ist kein Zufall, dass Shantani da ist. Er ist nicht irgendein durchgeknallter Guru, wie alle durchgeknallten Gurus vor ihm. Er gehört zu den Gefallenen, und wenn ich noch einen Beweis gebraucht habe, dann ist die Feder Beweis genug. Natürlich weiß er, dass ich es gesehen habe, ihm ist es schlicht egal. Scheiße, ihm ist ist pups-egal, ob ich weiß, zu wem er gehört. Er ist sich so sicher, dass er uns im Griff hat, dass wir nicht gewinnen können …

22. August

Obwohl er mir so nah erscheint, ist er so fremd. Gabe. Wenn ich Gabe sehe, erscheint er mir so bekannt. Aber trotzdem ist etwas an ihm, das nicht greifbar ist, geheimnisvoll, unnahbar. Nicht, wenn er mich in seinen Armen hält, wenn er mich wirklich ansieht. Dann scheint es für einen kurzen Augenblick so, als wären wir eins, als hätten wir einen Atem, einen Herzschlag und einen Atem. Aber sobald der heisere Vogelruf ertönt, so weit weg, dass ich es nur als leisen Nachhall in meiner Seele spüre, ist dies vorbei. Vorbei. Vorbei. Und ich meine, ihn nicht mehr zu kennen.

21. August

Allein, wenn er meinen Namen ausspricht, überläuft mich ein heißer Schauder, und ich lasse es gerne zu, dass er mit seinen Händen über meinen Rücken streichelt. Seine Lippen an meinen Schläfen betäuben meine Sinne, sie flüstern etwas, das ich nicht verstehen kann, die sanfte Bewegung seines Mundes macht mich schwach. Ich will die Worte gar nicht verstehen. Ich will, dass es zwischen uns so normal ist wie zwischen irgendeinem Mädchen und irgendeinem Jungen.
Ich muss stark sein. Ich muss stärker sein, als die Liebe zu diesem Mann.

Was soll das eigentlich heißen, er und ich sind eins, schon von Anbeginn aller Zeiten? Ich kann nicht klar denken, wenn ich ihn sehe, wenn sein Blick wie eine Liebkosung über meine Haut streicht, und wie ein warmer Wind über meine Seele gleitet. Seine schönen Worte greifen wie eine dunkle Hand nach meinem Herzen, ich spüre den Zwiespalt in meiner Brust wachsen. Wenn er meine Haut berührt, meine ich zu verbrennen, seine Worte betäuben meinen Geist, zwingen mich dazu, an nichts anderes mehr zu denken. Nimm mich mit dir mit …

Oh Mann, ich kann es echt nicht fassen, dass ich mit ihm einfach so gesprochen habe. Vor allen Dingen, dass ich mir so eine Scheiße anhöre, ohne auszuflippen! Verlasst Whistling Wing, was soll das denn für ein kompletter Bullshit sein, das hätte ich sagen sollen, aber es ist, als würde er sämtliche Schalter bei mir umlegen! Ich HASSE das, wirklich. Ich hasse es, dass ich ständig an ihn denke, und dann so viele Worte im Kopf habe, dass ich kein einziges herausbekomme! WER bist du, verdammt noch mal, wer bist du eigentlich?? Wohin gehörst du? Meinst du, DU gehörst hier nach Whistling Wing?

20. August

Der Sommer hat seinen Höhepunkt erreicht und hüllt uns mit seiner Hitze ein. Früher versuchte ich dann auf keinen Fall rückwärts zu zählen, aber ich machte es trotzdem. Dawnas Geburtstag war immer der Tag, an dem Mum zu uns kam und uns wieder in unser anderes Leben holte. Der Tag, an dem der große Regen beginnt. Vielleicht erfüllt es mich deswegen mit Sorge. Dieses Mal werden wir nicht abgeholt, dieses Mal werden wir hier bleiben. Aber irgendwie weiß ich auch, dass meine Sorge einen anderen Grund hat. Immer wieder taucht der Friedhof in meinen Gedanken auf. Und Gabe.
Gabe. Gabe. Gabe. Der Gedanke an ihn lenkt mich davon ab, an unser Familiengrab zu denken. Er lenkt mich davon ab, über die Vögel nachzudenken. Er lenkt mich einfach von allem ab, verdammt, es es einfach TOLL, von allem abgelenkt zu sein … ich will ihn sehen!

“Du weißt, dass du es selbst willst. Du bist nicht irgendwer. Du bist die Braut.” Die Braut. Die Braut, sagt die Stimme so oft in meinem Kopf, dass ich meine, ich werde wahnsinnig. “Du willst es. Du willst es mit deinem Geist und deinem Körper …”
Genau in diesem Moment wache ich auf, ich bin schweißgebadet, habe mich in meiner Decke verheddert, und mein Herz schlägt im Hals. Dawna liegt auf dem Bauch neben mir und hat mir den Arm über die Brust gelegt.
Und noch immer höre ich eine Stimme in meinem Kopf, die sagt: Du willst es …

Er beugte sich immer weiter in das Grab hinein, schien verschluckt zu werden von der Finsternis, die dort lauerte, schließlich tauchte er doch auf, und als er sich zu mir umdrehte, war sein Kopf nur noch ein Totenschädel. “Komm”, sagte er noch einmal, und tief in mir drin wusste ich, dass er mit mir sprach, nicht mit irgendetwas, das im Grab wartete. “Komm zu mir …”

Heute nacht habe ich geträumt, dass ich mit dem Pickup zum Friedhof gefahren bin. Ich hatte Dawna gesucht, überall, aber ich konnte sie nicht finden. Wieso ich sie genau dort gesucht habe, weiß ich nicht. Ich lief zwischen den Grabsteinen und suchte unser Grab, den Grabengel, die Steinplatte. Nach einer halben Ewigkeit hatte ich endlich unser eigenes Grab gefunden, aber Dawna war nicht da. Jemand saß auf der Steinplatte und mir erschien es, als wäre der Riss in der Platte breiter geworden und tiefer. Er beugte sich hinab, und streckte seine Hand hinein.
Komm, sagte er. Komm.

Wieso sucht Mum nicht nach dem Grab ihrer Vorfahren? Weil sie gar nicht wissen will, was auf dem Friedhof passiert? Weil sie Angst davor hat?
Ich bin gestern zum Friedhof gefahren, habe ich ihr erzählt, und für einen ganz langen Moment hatte ich den Eindruck, dass sie mich zum ersten Mal richtig angesehen hat und meine Worte zu ihr durchdringen konnten. Der Engel,…. hatte ich angefangen, mir unangenehm bewusst, dass Shantani mit ihm Raum war. Weißt du, dass der Grabengel …
Wieso hat mir Dawna genau in diesem Moment einen Stoß gegeben? Wieso hat sie mich so böse angefunkelt, als hätte ich ein Geheimnis verraten? Und wieso hatte Shantani so entspannt gelächelt, als hätte er mich genau dort, wo er mich haben will?

19. August

Vielleicht solltest du mal über den Grabstein nachdenken, hatte ich sie angefaucht. Warst du überhaupt schon ein einziges Mal auf dem Friedhof? Vor wie vielen Jahren? Weißt du, wie es genau in diesem Moment auf dem Friedhof aussieht??
Mum hat mich nur mit großen Augen angesehen. Wie kann das sein? Dass sie nicht ein einziges Mal das Bedürfnis hatte, das Grab ihrer Mutter zu sehen. Mum hat sich noch NIE für Granny interessiert. Sie war NIE bei uns geblieben, während wir bei Granny bleiben durften. Sie war IMMER sofort abgereist. Hey, was kann man da erwarten, doch wohl nicht, dass sie auf dem Friedhof nach einem Grab sucht, dass sie noch NIE besucht hat?!

19. August

Ich kann noch immer nicht glauben, was Mum gesagt hat. Dass Granny nicht wollte, dass wir bei ihrer Beerdigung hier sind. Du redest dir doch alles nur schön, habe ich ihr gesagt, und sie hat ausgesehen, als würde sie gleich heulen und mir eine Ohrfeige geben. Dass Shantani zu der Szene dazu gekommen ist, war nicht gerade hilfreich. Du musst es nicht glauben, hat er mit seiner bescheuert sanften Stimme gesagt. Du musst es nur akzeptieren.
Weißt du was, habe ich ihm gesagt, kümmere dich um deine persönliche Scheiße, ok? Und du solltest nicht einmal daran denken, den Namen von Granny in den Mund zu nehmen.

Wenn ich diesem blöden Shantani heute noch ein einziges Mal begegne, bekomme ich WIRKLICH das Kotzen! Beobachtet er mich? Wirkt die ganze Zeit so, als würde er auf etwas warten, so ganz entspannt. So, als entkäme ich meinem Schicksal nicht, und er wäre nur gerne dabei, wie mich mein Schicksal einholt. Idiot! Habe gerade Dawna gefragt, ob sie das nicht auch meint, und sie hat nur komisch geguckt. Ich glaube, ich gehe jetzt dann doch zum Baden …

18. August

Die Hitze ist momentan zum Kotzen. Würde so gerne zum Baden gehen, aber alleine trau ich mich nicht mehr. Seit der Sache mit Pius. Ich hasse, dass ich mich so von meiner Angst dominieren lasse. Ständig meine ich, die Vögel könnten auftauchen. Horche ins Nichts, ob ich ein Krächzen höre, ihren Schrei, diesen seltsamen Schrei, der von diesen Vögeln kommt, aber doch nicht von dieser Welt zu sein scheint.
Es ist, weil Granny uns nicht mehr bewacht.

Als ich gerade am Koppelgatter stand, kam Shantani vorbei. Wenn ich mich nicht dagegen wehren würde, an so einen Quatsch zu glauben, würde ich sagen, er zieht jede Menge negative Energie hinter sich her. Er wird richtig UMSPÜLT von schwarzen Wellen! Seine Augen haben so eine seltsame Intensität an sich, ich meine ständig, dass er versucht, mich zu beeinflussen. Ohne Worte. Einfach nur durch seinen Blick.
Ist natürlich alles totaler Unsinn, aber ich weiche ihm trotzdem aus, wo's nur geht. Trotzdem habe ich das Gefühl, dass er manchmal dort auftaucht, wo ich bin, dass er mich SUCHT. Dann aber trotzdem nichts sagt …

Indie

18. August

Etwas zieht mich ständig zu den Pferden. Die Luft flirrt über der Koppel, die drei Pferde drehen sich von mir weg, als wäre ich an allem schuld. Dabei sehe ich jeden Tag nach dem Wasser! Sie sind genervt von der Hitze und den Fliegen, sie stampfen mit ihren Hufen, ständig schütteln sie die Köpfe, und peitschen sich mit dem Schweif auf den Rücken oder zwischen den Beinen.
Ebenso unruhig wie die Pferde bin ich ….
Es braut sich etwas zusammen. Die Vögel gehen mir nicht aus dem Kopf. Ihre blanken Augen, die so viel Bösartigkeit ausstrahlen …

Wir waren mit Granny immer am letzten Tag unserer Sommerferien auf dem Friedhof. Sie hatte immer das Blumengießen als Vorwand genommen, obwohl wir alle wussten, dass es nichts zu giessen gab. Damals schien es mir so einfach, das Grab zu finden. Ich hüpfte neben Granny her, wir unterhielten uns. Vielleicht plapperte auch ich nur die ganze Zeit, während Dawna und Granny still hinter mir hergingen. Ich erinnere mich an die Plastikblumen auf dem Grab hinter unserem. Sie waren in unnatürlichen, schrillen Farben, man sah sie sofort zwischen all dem trockenen Gras.
Granny war immer sehr still an diesem Tag. Wahrscheinlich weil sie genauso traurig war wie wir, der Abschied stand bevor, wir mussten wieder mit unserer Mum mitgehen. Jetzt frage ich mich, ob das wirklich der einzige Grund war. In meiner Erinnerung haben wir nämlich nie Blumen gegossen. Die Erinnerungen sind zu verwischt, aber ich bin mir sicher, dass wir jedes Mal etwas gemacht haben. Dawna und ich … aber ich weiß nicht mehr, was…

Statt mich mit der Frage zu beschäftigen, was Mr. Geheimnisvoll treibt, und wo und wann ich ihn wiedersehen könnte, werde ich mit Rudy zum Friedhof gefahren. Ich kann einfach nicht glauben, dass das Grab nicht zu finden ist! Wo soll es denn hingekommen sein? Weggelaufen, oder was? Wahrscheinlich bekomme ich die Krise mit Rudy … ich meine, der Typ ist wirklich strange! Die ganzen Stechapfelsamen, die er bis jetzt eingeworfen hat, haben Spuren hinterlassen, die man nicht übersehen kann. Aber mit Leuten, die strange sind, kenne ich mich aus. Durch Mum kenne ich eigentlich NUR Leute die so was von strange sind …

17. August

Ich möchte ihn wiedersehen! Und ich habe KEINE Ahnung, wo er sein könnte. Außer beim Wasserturm. Ich weiß nicht, ob er wirklich beim Wasserturm ist – ich kann mir nicht vorstellen, dass irgendjemand sich gerne dort aufhält. Aber wer weiß das schon. Er ist nicht irgendwer!
Diese ständige Ungewissheit, wo ist er, was macht er, taucht er plötzlich auf, oder nicht – das macht mich VERRÜCKT! Ich möchte von mir aus etwas unternehmen könne, ICH auf IHN zugehen. Und nicht immer WARTEN. Warten, warten, warten.
Oder habe ich mich in ihm getäuscht? Will er gar nichts von mir? Aber wie kann man diese Blicke falsch interpretieren??
Ich HASSE dieses WARTEN!

17. August

Lilli-Thi ist mir furchtbar unheimlich. Sie lebt in einem abgefuckten Camper, der steht meist beim Friedhof draußen. Beim alten Friedhof, dort, wo es kaum noch Beerdigungen gibt, wo sowieso keiner mehr hingeht. Ich habe keine Ahnung, wie alt sie ist, sie sieht aus wie jemand, der gar kein Alter hat. Ich habe schon als Kind versucht, ihr nie nahe zu kommen, ihr auszuweichen, ihr nicht in die Augen zu sehen. Angeblich ist sie eine Nutte, aber ich frage mich, wer dazu Lust hat, Lilli-Thi in der Nacht draußen am Friedhof zu besuchen. Aber wenn ich Grannys Grab suchen will, bleibt mir wohl nichts anderes übrig. Dann muss ich da raus, vorbei an dem Camper …

Nutzt eure Kräfte, hat sie zu uns gesagt. Dabei habe ich zum ersten Mal ihre Augen gesehen, sie hatte wie immer ihre verspiegelte Sonnenbrille auf, aber als müsste sie es uns besonders eindringlich erklären, nahm sie sie ab. Ich habe noch nie ihre Augen gesehen, sie waren so grün wie meine eigenen. Ihre Stimme klang fast beschwörend, und ich hätte gerne nachgefragt. Was wissen Sie von unseren Kräften? Wozu? Wozu sollen wir sie nutzen? Aber Dawna hat mich einfach weggezogen. “Sie dürfen nicht auf den Hund schießen”, hat sie nur gesagt, während sie mich zurück ins Auto schob. Als wäre das das wichtigste! Vermutlich weiß die Comtesse doch mehr, als sie uns sagt.
Es braut sich etwas zusammen, in weiter Ferne, es sind die Vögel. Die Vögel ziehen das Unglück an. Die Vögel wachen über dem Bösen. Es hat mit uns zu tun. Mit Granny. Mit Pius. Es hat mit Whistling Wing zu tun.
Nutzt eure Kräfte

16. August

Angeblich wildert dieser Wolf von Shantani bei Beebees Eltern auf der Ranch. Na und, knallt ihn doch ab, habe ich ihr gesagt. Könnt ihr nicht schießen? Soll ich euch beim Laden helfen? Wäre mir nämlich gerade recht, wenn dieser Wolf nicht mehr wäre. Dawna wäre ja beinahe AUSGETICKT, als ich das gesagt habe … Ich weiß auch nicht, wieso er mir so unheimlich ist. Er hat so eigenartige Augen, bernsteinfarben, so einen intensiven Blick … das gehört sich nicht für ein Tier! Und Dawna spielt sich plötzlich total als seine Beschützerin auf! Hallo??? Wir sind uns sonst immer EINIG. Aber bei diesem blöden Wolf ist sie wie ausgewechselt!

Indie

16. August

Dawna kann Beebee nicht leiden. Ich glaube, sie denkt, Miley ist hinter Beebee her. Hinter Beebee sind bestimmt alle Jungs her, hey, sie hat riesige Brüste, oder jedenfalls einen super Push-Up, sieht alles original aus :-). Riesige Augen, mit ganz ganz ganz viel Wimperntusche. Und Eyeliner, also aufgebrezelt ohne Ende! Das mögen Jungs wahrscheinlich, kann ich mir gut vorstellen. Aber Miley ist definitiv hinter Dawna her. Das brauche ich aber Dawna nicht sagen, ich brauche nur das Thema Miley zu STREIFEN, und sie wird schon total ätzend.
Ich brauche ihr auch nicht zu sagen, dass sie viel schöner ist. Dawna ist UNGLAUBLICH schön, sie ist nicht nur hübsch, sie ist richtig schön. Das sage ich nicht nur, weil sie meine Schwester ist, sondern weil es so ist. Ihre Haut ist so makellos, samtig, ihre Haare sind glänzend, sie hat NIE Probleme mit ihrer Frisur, so wie ich. Dieses ganze Aufgebrezel, und Geschminke kann sie sich sparen, sie sieht schon so fantastisch aus, das ist Miley natürlich auch aufgefallen. Mann, das fällt JEDEM auf! Jedenfalls, wenn man Augen im Kopf hat …

16. August

Oh Mann, das mit Rudy gerade war echt sowas von abgefahren. Ich kann einfach nicht glauben, dass Dawna und ich Kräfte haben sollen. Also, KRÄFTE. Gedanken-Kräfte. Dawna ist davon nicht überzeugt, aber ich WEISS es, ich habe es gespürt. Ich habe es schon die ganze Zeit gespürt, wenn ich Dawna anfasse. Hey, es ist der Wahnsinn, da geht eine Energie in meinen Arm … das tut richtig weh! Ich überlege schon die ganze Zeit, was wir damit anfangen könnten! Diese Idee macht mich richtig high, dass wir damit was bewirken könnten! Da gibt es doch bestimmt tausend Möglichkeiten, richtig COOLE Möglichkeiten!!

Indie, höre ich seine Stimme, als wäre er weit entfernt, aber er steht direkt vor mir, viel zu nah. Und es scheint mir, als würde die Zeit langsamer vergehen, langsamer ticken, bis sie stehen bleibt. Das um mich herum existiert nicht, nur er und ich. Er. Und. Ich. Und die Zeit bleibt stehen, sein hypnotischer Blick gleitet bis in mein Innerstes. In meine Seele.
Indie, hörte ich seine Gedanken, denn seine Lippen bewegen sich nicht. Lass dich von mir beschützen …
Plötzlich ergriff er meine Hand, umschließt sie, will mich zu sich ziehen. Im letzten Moment wurde mein Verstand aktiv und ich konnte ihm meine Hand entziehen …
Indie lässt sich nicht beschützen. Indie muss nicht beschützt werden, denke ich nur, und ich laufe … laufe… laufe ….

Mein Herzschlag hat sich beschleunigt, nur von seinem Blick. Er ist einen Schritt auf mich zugegangen, und diesmal war ich zu stolz, um auszuweichen. Was soll das, wollte ich sagen, aber ich konnte nicht mehr sprechen, ich konnte ihm nur in sein Gesicht sehen. Sein Gesicht. Seine Nase. Seine Augen. Seine Lider, mit den dichten Wimpern. Seine markanten Wangenknochen. Seine schön geschwungenen Lippen.
Dieser Mund. Ich möchte diese Lippen auf meinen spüren … Oh mein Gott, was denke ich für einen riesigen Bullshit!!! Und trotzdem stehe ich da, hypnotisiert! Allein dass er so nahe vor mir steht, lässt meine ganze Haut prickeln, von meiner Kopfhaut bis zu meinen Zehen.

15. August

Indie, wohin bist du unterwegs, wollte er dann wissen. Eigentlich hätte ich ihm die Wahrheit sagen sollen, keine Ahnung, ich bin nirgendwohin unterwegs. Ich streune herum, so wie früher, biege in Wege ein, die mir unbekannt erscheinen, gehe nach rechts, wenn ich nach links gehen will. Ich habe kein ZIEL.
Aber ich kann ihm das nicht sagen, es kommt mir so kindisch vor, so albern, so, als wäre ich ein kleines Mädchen!! Okay, vielleicht war es auch ein bisschen albern zu sagen “Glaubst du, dass es dich was angeht?”
Mal abgesehen davon, dass es ihn wirklich nichts angeht.
Er hat nicht geantwortet. Er hat mich nur angesehen.

15. August

Er war so unvermutet da, der Weg machte eine kleine Kurve, und zack, steht er vor mir. Er sah vermutlich genauso verblüfft aus wie ich … hatte genausowenig damit gerechnet, mich zu sehen, wie ich ihn. Ich konnte erst einmal GAR nichts sagen, das war wirklich peinlich. Ich kann IMMER sprechen, ich weiß einfach auf ALLES einen blöden Spruch. Wieso mir dann in diesem Moment GAR nichts eingefallen ist, weiß ich auch nicht. Habe mich auch total darüber geärgert, dass ich auch noch ein Stück zurückgewichen bin. Fast so, als hätte ich Angst vor ihm. Hey, ich HABE keine Angst vor ihm. Ich bin überhaupt nicht der Typ, der zu quietschen anfängt, nur weil plötzlich jemand vor mir steht. Aber echt, mein Herz hat gehämmert wie blöd, und dann der Kerl. Und klar, dass er nicht gleich was gesagt hat. Bei ihm wirkt das ja total cool, aber ich komme mir immer richtig blöd vor, wenn ich nicht gleich was sage …

14. August

Ich habe ihn wieder gesehen. Ich wollte nur ein Stück hinauslaufen, hinaus, nicht zum See. Nicht zum Wasserturm … aber ja, es war die Richtung. Wieso, ich weiß es nicht, es hat mich nichts gerufen … Oh mein Gott, ja, ich kann sagen, der Wasserturm macht mir Angst, hat mir schon immer Angst gemacht und … trotzdem ist da diese Faszination. Vielleicht weil ich meine, dort Gabe zu finden. Gabe, den geheimnissvollen und fremden Mann. Dessen Perfektion mich anzieht, aber auch Angst macht.
Indie macht nichts Angst, würde ich gerne sagen … aber es stimmt nicht … oh nein, jetzt kommt Dawna ins Zimmer …

14. August

Ich hatte einen Traum. einen Traum von Granny. Sie stand oben, am Dachboden. Die Vorhänge blähten sich nach innen, weiße Wolken, die Granny umschwebten. Sie sah hinaus, über den Himbeerbaum hinweg in die dürre Ebene.
Meine Narbe begann zu schmerzen. Vier kleine, rote Narben, dort wo sich der Vogelfuß in meinen Bauch gegraben hat. Für jede Kralle eine Narbe, und jede dieser Narben begann zu pochen, als würde dieser Vogel noch auf meinem Bauch sitzen.
Indie, höre ich die Stimme von Granny. Indie. Ihr seid die Hüterinnen des Lichts. Meine kleinen Mädchen. Der Wind wirbelt eine einzelne, weiße Strähne ihres Haars vor ihr Gesicht. Die Worte stoßen etwas in mir an. Ich weiß nicht was.
Dann erwachte ich, schweißgebadet, und die Narbe pochte weiter, wie mein Herzschlag.

14. August

In der Luft hängt etwas Böses. Die nackten Gesichter Der Vögel haben mich verfolgt, die ganze Nacht. Sie sahen mich direkt an, die Augen blank und schwarz, wie tiefe Seen ohne Grund. Sie sind böse.
Sie SIND böse.
Die schwarzen Federn, die um uns herumwirbeln scheinen die Hitze aus der Wüste zu uns zu treiben.
Sie sind wegen uns da. Nur wegen uns. Was sie hier tun, weiß ich nicht. Aber sie warten.
Sie warten auf uns.

Indie

Tara und Tamara scheinen die Sache mit den Vögeln einfach vergessen zu haben!! Ich weiß nicht, was ich darüber denken soll! Haben wir es nicht richtig gesehen, haben wir etwas gesehen, was es gar nicht gegeben hat?
Dawna sagt nur “Es”. Es ist wirklich geschehen. Ich habe ES gesehen. Du hast ES doch ausgesehen. Als würde das irgendetwas besser machen. Oder als würden wir etwas heraufbeschwören, wenn wir “die Vögel” sagen würden.

Diese riesigen Tiere … von was ernähren sie sich? hatte mich Dawna gefragt. Es sind keine Tiere. Es sind keine Vögel. Ihre Gesichter sind zu menschlich. Ihre Augen zu grausam.
Diese Vögel gehören hier nicht her. Vielleicht gehören nicht einmal wir hier her. Ohne Granny sollten wir nicht hier sein!!!
Ein diffuses Gefühl von Angst breitet sich in mir aus … das Verschwinden von Pius ist plötzlich so real in meinem Kopf, ich sehe wieder diese Vögel über ihm, wieder diesen Ausdruck in seinem Gesicht, dieses Erstaunen, dieses Akzeptieren seines Todes.
Er war tot. Ich bin mir sicher, er ist nicht nur verschwunden. Er ist gestorben.
Noch immer weht der heiße Sommerwind über die Wüste, aber in mir ist es kalt.

13. August

Ich wollte noch nie geküsst werden. Aber seit ich seinen Blick auf meinen Lippen gespürt habe, ist der Wunsch in meinem Kopf. Nicht nur in meinem Kopf … als hätte sich der Wunsch ausgebreitet, in meinem ganzen Körper, durchströmt mich der Gedanke, ihm nahe sein zu wollen, ihn wieder sehen zu wollen. Auch wenn wir nur nebeneinander stehen, den Blick auf das Pferd gerichtet, als wäre es gleichgültig, dass wir nebeneinander stehen.
Ich will dich wieder sehen. Wo bist du?

13. August

Wie in einer Endlos-Schleife sehe ich Gabe und mich immer und immer wieder am Koppelgatter stehen. Die Wärme des heißen Sommertages umgibt mich wie eine warme Blase, der heiße Wind streicht über die Koppel, streichelt über meine nackten Beine. Und auch wenn ich ihn nicht ansehe, spüre ich seine Anwesenheit. Er steht so dicht neben mir, dass ich den Eindruck habe, seine Wärme umfließt mich. Er selbst scheint nicht zu schwitzen, obwohl es so irrsinnig heiß ist. Er wirkt dunkel und unberührbar. Er ist so schön. Er ist so makellos. Was für ein Kontrast zu mir!! Ich schwitze in der Sonne. Meine Sommersprossen leuchten in meinem Gesicht und auf meinen Armen. Meine Haare werden vom Wind verwirbelt. Aber er scheint davon nicht abgeschreckt. Ich spüre seinen Blick, dieses Interesse, das alle anderen, alles andere ausschließt … was rede ich mir da nur ein .,…

13. August

Ich weiß, wie er heißt. Gabe. Er heißt Gabe. Wer ist er? Was macht er hier? Und was bedeutet die tätowierte Feder auf seinem Unterarm? Ich habe das Gefühl, dass ich etwas Verbotenes gemacht habe, etwas Gefährliches. Und vielleicht etwas Dummes. Und das nur, weil ich am Koppelgatter gestanden und mit ihm ein wenig gequatscht habe. Ok. Gequatscht ist vielleicht nicht der richtige Ausdruck, so viel geredet haben wir da nicht. Das ist mehr so auf einer ganz anderen Ebene abgelaufen.
Oh je, ich kann auf diese Ebene momentan echt total verzichten. Jedes Mal, wenn ich an seine Augen denke, habe ich das Gefühl, dass ich mich ihm nicht entziehen kann, dass mich die männlichen Schwingungen, die er ausstrahlt, lahmlegen, mich nicht mehr normal denken lassen. Und dafür hatte schon gereicht, dass er meine Hand genommen hatte. Die Hand! Das ist doch nicht normal! Vielleicht war es aber auch der Blick. Ich will dich. Das sagte dieser Blick. Meine Konzentration war echt im Arsch, wenn ichs mir genau überlege, waren seine Worte total unerotisch, also, was soll das, geh nicht zum Wasserturm! Was geht ihn das überhaupt an! Ich kann tun und lassen, was ich will!

Das Internet geht nicht mehr – ausgerechnet jetzt, wo Dawna und ich in Mums Emails nach Pius schnüffeln wollten … Fast so, als wäre es ein schlechtes Omen. Oder als wollte jemand, dass wir nichts über Pius herausfinden. Ich beobachte schon die ganze Zeit Shantani. Hat er damit zu tun?? Aber Shantani ist wie immer. Gerade sitzt er mit Eve unter dem Himbeerbaum und meditiert. Sein Wolf liegt mitten am Hof, in der prallen Sonne. Es sieht aus, als wäre er tot, aber er ist nicht tot. Wenn man nämlich über die Veranda geht, sieht man, dass er das eine Auge ein klein wenig offen hat, nur so einen kleinen Schlitz. So beobachtet er alle, die ins Haus hineingehen oder herauskommen.
Er ist mir unheimlich. Er ist wirklich, wirklich, wirklich ein GANZ unheimlicher “Hund“… Und auch wenn Dawna noch hunderttausendmal behauptet, er wäre ein ganz normaler Hund – ich werde ihn im Auge behalten.
Genau so, wie er Dawna im Auge behält.
SCHEISSE!

Indie :-(

12. August

Obwohl die Pferde so irrsinnig biestig sind, stehe ich gerne an der Koppel und sehe ihnen zu. Ich sehe ihnen beim Nichtstun zu, wenn sie mit hängendem Kopf und geschlossenen Augen in der staubigen Hitze stehen, hin und wieder den Kopf schütteln um die Fliegen loszuwerden, oder mit dem Schweif zwischen die Beine peitschen. Die Fliegen sind so lästig.
Vielleicht bin ich auch schon etwas verrückt, aber ich bin mir sicher, dass ER hier irgendwo ist. Dass er mich manchmal beobachtet. Aber wenn ich meinen Blick schweifen lasse, sehe ich nichts. Nur das Flimmern der Hitze, und hin und wieder treibt ein Windstoß die trockene Erde über den Boden, wirbelt sie hoch, und dann tränen mir davon die Augen.
Dann versuche ich mir vorzustellen, was er sieht, wenn er mich wirklich sieht. Meine roten Haare, die sich im Wind bewegen. Meine blasse Haut, übersät mit Sommersprossen. Sie ist genauso weich wie sie aussieht, und duftet nach Sommer. Nach einem heißen Sommertag und den Kräutern aus Grannys Garten. Wenn ich mir über die Lippen lecke, schmeckt es salzig.
In weiter Entfernung krächzen schon wieder irgendwelche Vögel, und meine Narbe fängt zu pochen an.

Indie

12. August

Ich sage nur: Rudy. Er lässt sich einfach nicht abschütteln, da kann ich gemein sein, wie ich will! Vermutlich denkt er, ich wäre hinter ihm her, dabei rennt er MIR nach und nicht umgekehrt. Ständig taucht er auf! Es ist sowas von zum K…
Dabei wäre es mit ihm vermutlich alles halb so schlimm, wenn ich nicht STÄNDIG an IHN denken würde! Dawna sieht mich manchmal schon so komisch an, und ich bin mir unsicher, ob sie nicht doch was von meinen Gedanken merkt, auch wenn ich, sobald sie dabei ist, versuche an Quatsch zu denken. Also, an Rudy zum Beispiel.
Vor allen Dinge, an WAS ich denke, PEINLICHER gehts gar nicht mehr!!!!!! Ich kann es fast körperlich spüren, dass er mich anfasst – nur von meiner Vorstellung! Wie er seine Lippen an meinen Hals drückt. Und seine Hände über meine Haut gleiten. Ich kann mich nicht dagegen wehren, er ist viel zu stark … aber die Wahrheit ist, ich will mich nicht dagegen wehren.
Schluss jetzt.
Schluss JETZT!

12. August

Gerade habe ich beschlossen, dass ich andere Probleme habe, als an überirdisch schöne Männer zu denken. Problem Nummer 1 ist und bleibt Shantani, diese Arschgeige. Dass meine Mum so blöd ist, und nicht merkt, wie er sie alle über den Tisch zieht, ist echt die totale Belastung! Problem Nummer 2 ist Dawna. Sie tut zwar total überheblich mit ihrem Miley, aber ich könnte drauf wetten, dass sie sich in den blöden Kerl verliebt. PAAAH! Und wen habe ich an der Backe? Mileys Freund Rudy, der den vollen Knall hat.
Problem Nummer drei bis zehntausend sind die ganzen anderen Typis, die hier am Hof rumlungern und meinen, sie bekommen Eingebungen!!
Ich habe echt so ein Scheiß Gefühl, wenn ich an das alles denke.
An die Vögel.
An Shantani.
An Pius.
Sogar, wenn ich an den überirdisch schönen Kerl denke, habe ich ein seltsames Gefühl. Ich bin mir tausendprozent sicher, dass es besser ist, den Typen nie, nie wieder zu sehen!
Ich gehe jetzt, und helfe Dawna beim Pferdefüttern. :-(((

Indie

11. August

Hat er mich wirklich angesehen, oder nur unser Haus betrachtet? Ich spüre seine Gegenwart fast körperlich, es ist wie ein Sog, ein Strudel, der mich zu ihm zieht. Eigentlich denke ich, ich sollte ihn ignorieren, kein Erkennen zeigen, aber was soll ich gegen diese Anziehungskraft machen? Soll ich dagegen ankämpfen?

Es ist Unsinn, darüber nachzudenken, wie sein Blick war. Er war zu weit weg! Wieso kommt es mir dann so vor, als wäre es ein Blick in mein Innerstes gewesen? Wieso denke ich, dass es mehr ist, mehr als nur ein oberflächliches Gefallen? Ach Indie. Er ist einfach ZU schön.

Bei zu schönen Leuten stimmt immer irgendetwas nicht …

11. August

Er wirkte sehr groß und sehr breitschultrig, als er so am Hickory lehnte. Schlank, aber doch sehr muskulös. Der Wind streichelte über meine nackten Beine, und es fühlte sich an, als wäre es sein Blick, der über meinen Körper streicht. Aber war er wirklich hier, um mich zu sehen?, fragt mein Verstand, sei nicht verrückt, Indie! Aber mein Herz fragt, wer bist du, wie heißt du, und ich bin mir sicher, dass er dort auf mich wartet. Nur auf mich. Ich muss nur den Mut aufbringen und hinübergehen …

Indie

11. August

Ich habe ihn gesehen!! Ich habe ihn echt gesehen! Er stand unter dem Hickory, einfach so. Wenn Dawna nicht dazwischengekommen wäre, ja … wenn … dann wäre er bestimmt zu mir gekommen. Ich meine, ist doch nicht normal, dass er einfach da rumsteht und nicht zu uns geht. Dawna beißt schließlich nicht. Kanns ja verstehen, wenn er nicht mit meiner Mum zusammentreffen will, aber Dawna …
Natürlich interessiert er mich gar nicht. Also, er kann mir gestohlen bleiben, es gibt momentan wirklich wichtigeres in meinem Leben als so ein Kerl. Ich wundere mich eben nur …

Indie

10. August

Ständig höre ich in meinen Gedanken Gespräche mit IHM, total verrückt, als wäre er da, und ich könnte echt mit ihm quatschen. Ich finde auch, dass das nicht ganz normal ist. Mann, ich werde nächstes Jahr 18, da kann man keine fiktiven Gespräche führen!! Gerade jetzt kann ich das natürlich gar nicht brauchen, weil in unseren 33 Tagen Dawna natürlich alles mitkriegt. Jedenfalls wenn ich nicht aufpasse.
Wie heißt du, frage ich ihn dann, und er würde mich ansehen, so wie das erste Mal, mit einem Blick, der mir einen warmen Hauch über den Rücken laufen lässt, eine Welle, die etwas seltsames mit meinem Bauch anstellt, als wäre alles in mir warm. Ich glaube wirklich, dass das alles an seinen Augen liegt. In meiner Erinnerung sind sie golden gesprenkelt und leuchtend – sein Blick lässt mich nicht aus, so, als wäre ich das Wichtigste für ihn. Als würde er sich total danach sehnen, mich endlich zu berühren. Wer bist du, flüstert es in mir. Wo kommst du her? Was machst du?

Indie

9. August

Kann mir mal jemand sagen, wieso es alle akzeptieren, dass Pius weg ist? Weg? Tot? Verschwunden? Abgehauen?
Ich hab es doch gesehen. Ich habe die Vögel gesehen. Ich habe Pius gesehen. Und wenn mir noch einer erzählt, dass er seinen Rucksack genommen hat und zum nächsten Greyhound getigert ist, FLIPP ich aus! Wie können das alle nur so einfach AKZEPTIEREN!!??
Ich habe sie doch gesehen. Die Vögel. Diese grässlichen Vögel. Und während ich daran denke, pocht in meiner Narbe der Schmerz, und in meinen Kopf pocht die Angst

8. August

Je länger ich darüber nachdenke, desto ärgerlicher werde ich auf mich selbst! Dass er mich berührt hat, und ich ihm keine knallen wollte, das kann doch nicht wahr sein!! Und das, wo ich immer gesagt habe, dieses blöde Gegrabsche von Jungs interessiert mich nicht! Vielleicht liegt es daran, weil er eben kein Junge mehr ist, sondern ein richtiger Mann.
Indie. Reiß dich doch mal am Riemen. Er hat dich auch nur angefasst, um dich am Weitergehen zu hindern, und nicht etwa, weil er dich zu sich ziehen wollte. Ich will das auch nicht. Nicht wirklich!!
Ich kann nur hoffen, dass Dawna mein Tagebuch nie findet!

8. August

Sie kreisen in weiter Entfernung. Die Vögel. Sie strahlen Gefahr aus, düster, grau und dunkel. Was haben sie mit Pius gemacht? Wo ist er? Wieso kümmert es keinen? Als hätte es ihn nie gegeben, als wäre er nie hier gewesen, einfach nicht mehr existent …
Wo kreisen sie, was interessiert sie dort? Ist dort ein Mensch … oder kreisen sie über dem Wasserturm? Der Turm macht mir Angst, nicht nur, weil Granny uns immer davor gewarnt hat. Sondern weil er auch die Vögel anzieht, diese seltsamen, furchtbaren Kreaturen.
Haut ab … haut ab … verschwindet …

8. August

Ständig grüble ich darüber nach, was er gesagt hat. Das ist kein Platz für ein Mädchen wie dich. Ein Mädchen wie dich. Hat er das gesagt? Mir kommt es vor, als hätte mich seine Stimme so hypnotisiert, dass ich seine Worte nicht mehr aufnehmen konnte. Quatsch. Bleib am Boden. Du hattest noch NIE das Gefühl, dass du einem Mann nahe sein willst. Vielleicht ist deswegen unser Gespräch vollkommen vergessen, weil das einzige, was sich in meine Erinnerung gebrannt hat, diese Hand ist, die Hand um mein Handgelenk, die mich fesselt und festhält, zu ihm zieht. Die meinen Widerstand auslöst, obwohl ich nichts mehr will, als dass er mich berührt. Indie, was sind das für Quatsch-Gedanken! Du kennst den Kerl überhaupt nicht, wie kannst du nur den Wunsch haben, ihm näher zu sein, und ihn zu berühren? Weil er dich berührt? Weil es ihm ganz offensichtlich wichtig ist, dich zu berühren?

Indie

7. August

Und wie ist er dorthin gekommen, mitten in der Nacht? Geht eigentlich nur mit einem Geländemotorrad. Miley habe ich schon mit seinem Motorrad da entlangfahren gesehen. … Gehört er vielleicht doch zu der Clique von Miley? Kann ich mir zwar nicht vorstellen, weil er bestimmt älter ist, aber wer weiß … Ich mache mir um den Kerl echt zu viel Gedanken!

Indie, die sich keine Gedanken mehr machen will

7. August

Ich frage mich nur, an wen er mich erinnert. Vielleicht eine griechische Statue. Aber Statuen sind so rein und klar, und er war definitiv so … düster. So geheimnisvoll. So … grimmig? Irgendwie schon, aber andererseits auch wieder so einnehmend. Er hat mich angesehen, als könnte er in meinen Gedanken lesen, vor allen Dingen so, als würde er das auch gerne tun. Vielleicht bin ich auch etwas gestört, und meine nur, dass er sich für mich interessiert. Scheiße noch mal, er wollte mich einfach nur davon abhalten, zu dem Wasserturm zu gehen. Nichts einfacher als das, wird er sich gedacht haben, und hat mich angesehen, als hätte er Interesse an mir, und schon denkt die blöde Indie nicht mehr an den Turm. Aber kann so ein Blick gespielt sein, war er nicht selbst ein klein wenig überrascht? Hat mein Gesicht betrachtet, als würde er es gleichzeitig kennen und doch das erste Mal sehen? Als würde ihm genau in diesem Moment auffallen, wie wunderschön ich bin?
Indie, du bist echt eine blöde Kuh.

Indie :-)

6. August

Wer ist er? Welcher Kerl steht mitten in der Nacht am Wasserturm. Schon mal in der Nacht, und dann noch ganz allein … ein Krimineller? Ein Kiffer? Irgendein Bekloppter?
So sieht er nicht aus, weder kriminell, noch drogenabhängig. Er sieht aus wie … okay, vielleicht so ne Mischung aus Brad Pitt und Orlando Bloom. Nein, das triffts auch nicht. Man kann ihn gar nicht beschreiben. Er sieht einfach so irrsinnig perfekt aus. Oder bilde ich mir das nur ein. Weil er mich so angesehen hat, als würde er sich für mich interessieren. Mich sieht normalerweise niemand an, als würde er sich für mich interessieren. Wieso muss das dann ausgerechnet jemand sein, der allein am Wasserturm rumhängt. Ich habe echt keine Lust, da nochmal aufzutauchen, noch dazu wo er mich auch davor gewarnt hat. Vielleicht habe ich das auch alles missverstanden. Also, so von wegen, er will mich nur loshaben, weil gerade irgendeine Drogenübergabe ansteht oder so.
Scheiße, ich sollte über so einen blöden Kerl überhaupt nicht nachdenken!

6. Augst

Sie sind wieder da. Weit weg, über dem Hickory, lassen sie sich mit weit ausgebreiteten Flügeln treiben. Was sind das für Vögel? Sie jagen mir Angst ein, wie ein düsterer Schwarm schlechter Erinnerungen drehen sie eine Runde nach der anderen. Sie verfolgen mich bis in meine Träume – vielleicht tun sie es aber auch in der Wirklichkeit. Denn ich weiß nicht, ob sie sich tatsächlich Whistling Wing nähern. In der Dunkelheit höre ich das Schlagen von riesigen Schwingen, mir scheint es, als würde warmer Staub aufwirbeln, heiße Luft verwirbeln, an unser Fenster drücken.
Habe ich schon jemals solche Vögel gesehen? Niemals hier auf Whistling Wing. Nirgendwo.

5. August

Ist ja wohl klar, dass Dawna gleich mal jemanden kennenlernt und ich nicht. Naja, so ganz stimmt's wohl nicht, weil wir Miley eigentlich beide kennen und schon ewig. Glaube ich jedenfalls. Miley ist jedenfalls schon IMMER in New Corbie. Schon lustig, dass wir ständig wo anders wohnen, und der Zigeuner Miley immer am selben Fleck hockt. Ist sicher nicht seine Bestimmung zwinker, aber wahrscheinlich lassen die anderen Zigeuner Mileys Mum einfach nicht mehr mitspielen. Vermutlich hat sie auch so ein blödes Gequassel drauf wie ihr Sohn, das hält ja auch nicht jeder aus. “Kleine Indie”, “Baby Indie”, “Kleines Schwesterchen”, wie ich es HASSE, wenn er so Zeug ablässt!! Wenn sich Dawna mit seiner Clique einlässt, werde ich echt sauer!!!!

Indie

Ich sage nur: Miley. Der Zigeuner. Er sieht ja echt fantastisch aus.Wenn er nicht so einen Blödsinn quasseln würde, könnte ich ihn echt toll finden. Naja, ok, falls man auf solche Typen steht, muskulös, dunkles Haar, das sich im Nacken kringelt. Dunkle Haut. Aber hat ja nur Augen für Dawna. Und den Blödsinn erzählt er auch nur MIR und nicht IHR.
Dawna, echt, augenverdreh. Merkt natürlich nichts davon, macht voll auf hochnäsig. Das macht sie sonst nie, auch nicht mit den Typen, die hinter ihr her sind, sogar zu DENEN ist freundlich. Aber nicht zu Miley, dem hat sie eben mal wirklich die voll krassen Sachen erzählt. Sie ist immer nett und friedlich – aber gerade die Unterhaltung mit Miley war wirklich zum Schießen!! Sie war SO WAS von arrogant! SO WAS von überheblich und ihre Behauptung, sie würde die Pferde einreiten … Ehrlich, nicht einmal ich will diese Biester einreiten!

4. August

Ein Wolf! Shantani hat einen Wolf dabei! Plötzlich macht die Angst aus meinem Magen einen riesigen Knoten! Vor allem, seit ich gesehen habe, wie das Scheiß-Vieh Dawna ansieht! So durchdringend, als würde ihn nur die Kette davon abhalten, sie anzuspringen und vermutlich zu zerfleischen … Wieso sieht denn keiner, dass dieses Tier GEFÄHRLICH ist! Shantani ist wahrscheinlich zu doof um das zu kapieren, aber Dawna müsste doch merken, dass mit diesem “HUND” gar nichts stimmt, und zwar ABSOLUT GAR NICHTS!

Ich HASSE es, überrumpelt zu werden! Ich HASSE es, wenn Mum so viel Energie hat .. Gerade eben ist sie mit Dawna weggefahren und holt SHANTANI ab. Shantani ist dieser bescheuerte Kerl, der ihr ständig irgendwelchen Engels-Quark einredet! Shantani ist der Engelsguru-Typ, den sie nun schon ewig anhimmelt! Shantani ist einfach ein Schwachkopf, das weiß ich JETZT schon, und ich weiß auch JETZT schon, dass ich ihn HASSEN werde!
Irgendetwas an der Sache ist GRUNDFALSCH, und ich wüsste gerne, was es ist! Wenn ich nämlich eins nicht leiden kann, dann das Gefühl, dass etwas schief läuft, und ich gar nicht weiß, WAS es ist!

Indie

3. August

Den halben Vormittag streune ich durch das Haus. Alles ist viel kleiner als damals, zumindest erscheint es mir so. Mein Bett ist so klein. Das Zimmer ist so klein. Die Engelslampe auf dem Nachtkästchen ist so klein. Und der große Holzofen in der Küche ist gar kein riesiges Monstrum. Dann gehe ich raus, die Hitze steht im Hof, kein Lufthauch ist zu spüren. Überall sind die Spuren von Granny verwischt. Ihre Blumen vertrocknet, ihr Kräutergarten verwildert. Nur die Holzscheune sieht noch aus wie immer, und der Himbeerbaum.
Die Pferde, die Granny damals hatte, gibt es anscheinend nicht mehr. Es sind drei andere Pferde da, sie sind misstrauisch und weichen uns aus. Ich glaube nicht, dass sie jemals geritten worden sind.
Mum ist jedenfalls total high im Moment, ich weiß nicht wieso, denn das mit dem Internet funktioniert noch immer nicht, und ich hätte gedacht, dass sie total ausflippt, wenn sie nicht ständig mit ihren Engelstypen Kontakt hat, und alles, was ihr so durch das Gehirn schießt, sofort irgendjemandem im Cyperspace mitteilen kann.
Wenn ich Dawna sehe, bekomme ich rasende Kopfschmerzen. Das Ding mit dem Gedankenlesen geht mir gewaltig auf den Senkel, und so wie's aussieht, ist das bei Dawna genauso. Wir sprechen zwar nicht darüber, aber ich finde, es geht niemanden etwas an, was ich gerade denke, auch nicht meine Schwester. Denke mal, dass Dawna meiner Meinung ist, sie weicht meinem Blick auch aus, wo es nur geht.
Seltsamerweise ist es so, als würden wir auf etwas WARTEN.
Aber auf was?

2. August

Gestern dachte ich noch, unsere 33 Tage sind nicht mehr so wie früher. Da habe ich kaum etwas gemerkt. Heute aber dieses seltsame Knistern zwischen uns, besonders wenn wir uns ansahen. Dieses eigenartige Gefühl im Bauch, Gedankenfetzen im Kopf. Ich bin irrsinnig schlecht gelaunt, je mehr wir uns Whistling Wing näherten, desto mehr habe ich das Gefühl von GEFAHR. Ok. Quatsch. Ist natürlich alles Quatsch, und ich würde niemals Dawna mit so einem Unsinn belabern, die würde sich echt ans Hirn greifen, wenn ich sagen würde, dass wir aufpassen müssen.
Müssen wir auch nicht. Auf was sollten wir denn aufpassen? Whistling Wing liegt total einsam, da gibt es nur noch die Comtesse, aber ehrlich, die ist uralt, vermutlich schon tot, seit Jahren! Wie das da wohl jetzt aussieht – die Gärtnerei. Die Scheune. Unser Himbeerbaum. Unser altes Zimmer …

Gerade angekommen, der Kräutergarten ist total zugewachsen … Dawna sah mich an, als wollte sie sagen, alles wird gut … wieso alles wird gut, was sollte denn NICHT gut sein?

Indie

1. August

Ich kann's nicht glauben! Ich bin 17 Jahre alt! Und tu noch immer das, was meine MUM mir sagt!!! Mum hat mir mein Geschenk überreicht und dabei gesagt: Mein kleines Engelchen, du wirst erwachsen. Das Geschenk habe ich nicht ausgepackt, am liebsten hätte ich es vor ihren Augen in den Müllcontainer geworfen! Toller Geburtstag! Wir sitzen bestimmt den ganzen Tag im Auto! Eigentlich bin ich jetzt alt genug, dass ich sage, Mum, nicht mit mir, ich bleibe da! Macht was ihr wollt, Scheiße noch mal!
Ich weiß nicht, was mich davon abhält. Dawna? Der Gedanke an Whistling Wing? Der Gedanke, was zu verpassen? Der Gedanke, dass ich Dawna beschützen muss? Was für eine eigenartige Vorstellung – ich meine, vor WAS sollte ich Dawna denn beschützen?
Heute fahren wir nach Hause, hatte Mum beim Frühstück gesagt. Ein eigenartiges Gefühl, in meiner Brust, dieses Wissen, es ist unser zu Hause. Aber irgendwie auch nicht. Nicht ohne Granny. Whistling Wing. Vielleicht habe ich auch immer für diesen Moment gelebt, diesen Moment, wo Whistling Wing wieder unser zu Hause ist. Etwas zieht mich dorthin. Etwas, was tief in meinem Bauch ein ganz komisches Gefühl macht …

Indie

31.Juli

Letzter Tag hier. Ein seltsames Gefühl – nach all den Jahren wieder nach Whistling Wing zu fahren. Wieso nur muss ich ständig daran denken, dass dort etwas auf uns wartet. Vielleicht ja die Erinnerung, nur die Erinnerung. Ich glaube an keine Vorahnungen. Vielleicht werde ich nur krank, vielleicht bin ich auch nur elend sauer. Aber dieses Frösteln, das mir über die Arme streicht, macht mich unruhig.
Wir könnten uns weigern nach Whistling Wing zu fahren, habe ich Dawna gestern vorgeschlagen, während wir in unseren Betten lagen. Dawna hat mir nicht geantwortet, eine Weile dachte ich, sie schläft.
Ich habe Angst, hat sie schließlich gesagt. Aber wir müssen fahren.
Wir müssen gar nichts, habe ich in mein Kissen geknurrt. Dawna, Schätzchen, du musst echt mal lernen, nein zu sagen.
Aber ich weiß, was sie meint.
Wir müssen einfach fahren. Egal, was dort passiert.
Und ich glaube nicht an Vorahnungen. Aber trotzdem hab ich SOWAS von ein ungutes Gefühl ..
Morgen ist mein 17. Geburtstag.

Indie, die wahrscheinlich die Grippe bekommt

30.Juli

Noch zweimal schlafen, dann beginnen unsere 33 Tagen. Der Gedanke daran macht mir Kopfschmerzen! Ich sehe seltsame Dinge, wirbelnde schwarze Federn, ein seltsames Vogelgesicht, das mir Angst macht. Ich kriege keine Luft. Ich halte es nicht mehr in dieser Wohnung aus. Sie ist schon nicht mehr unsere Wohnung, so leer wie sie jetzt ist! Bei Granny haben wir doch alles, sagte Mum eben.
Granny.
Ich bezweifle, dass wir bei Granny alles haben.
Ich habe noch immer nicht herausbekommen, was Granny Mum gesagt oder geschrieben hat. Mum meditiert die ganze Zeit, jedenfalls wenn sie uns nicht gerade damit belabert, wie großartig das alles werden wird. Was meint sie damit??

Indie

29. Juli

Ich will nicht! Ich will nicht! Ich will nicht!
Ich will mein Leben hier, ich will die beschissenen Leute HIER, und nicht zu einem Whistling Wing zurück, das ohne Granny nur noch ein GRAB ist!
Ich habe ja oft das Gefühl, dass unser Leben so was von schief läuft. Aber der Gedanke an Whistling Wing macht mich echt fertig!
Nicht jetzt, hatte Dawna gestern geflüstert. Nicht in unseren 33 Tagen.
Ach Mädels. Macht es mir doch nicht so schwer, war die Antwort von Mum gewesen, und sie hat einfach weiter die Gewürze aus unserem Küchenschrank in den Mülleimer geworfen. Sie wirft immer alle Gewürze weg, bevor wir umziehen.
Du hast sie nicht mehr alle, habe ich sie angebrüllt. Echt, beschissener geht’s ja wohl nicht mehr!
Ich habe echt keinen Bock auf das alles!
Mum fing an zu weinen, die restlichen Gewürze fielen auf den Boden, es roch plötzlich intensiv nach Thymian.
Thymian. Thymian.
Das Bild von Grannys Kräutergarten war so plötzlich in meinem Kopf. Von Granny in ihrem Garten, von ihren duftenden Händen, von der Minze, die sie pflückte, von ihren Rosen …

Noch drei Mal schlafen.

Indie, die nicht mehr schlafen kann

28. Juli

Noch vier Mal schlafen, dann beginnen unsere 33 Tage.
Mum schürt schon wieder Papiere ein, die sie noch irgendwo gefunden hast.
Noch was von Granny?? Aber ich sehe schon an der Schrift, dass es nichts von Granny sein kann.
Sind da auch Liebesbriefe dabei?, will ich wissen. Vielleicht sogar von unserem Daddy?
Böse, böse Frage. Wir reden nie über unseren Vater. Sie weicht meinem Blick aus, so wie sie immer meinem Blick ausweicht, wenn es um unseren Vater geht. Ich bin mir sicher, dass es keine Liebesbriefe von ihm gibt. Mum hat zu heulen angefangen, und Dawna hat mir dummes Zeug zugezischt. Sei nicht so ätzend. Wir sollten froh sein, dass sie sich endlich von der Vergangenheit befreit.
Welche Vergangenheit? Wir HABEN gar keine Vergangenheit. Besonders ohne GRANNY. Wir haben nur Orte, an denen wir ein klein wenig pausiert haben, die wir genauso schnell wieder vergessen. Wir können keine Erinnerungen haben, weil wir immer alles verbrennen. Wir werfen alles weg, ALLES. Wir haben drei Koffer. Wie kann sie dann behaupten, wir befreien uns jetzt davon? Wir befreien uns STÄNDIG davon! Und irgendwann werden wir es bitter bereuen, dass wir uns davon befreien, wetten?
Außerdem muss Mum doch wissen, was sie Granny versprochen hatte. Das hat ihr Granny doch bestimmt auch persönlich erzählt, nicht nur in einem Brief, den man ungelesen verbrennen kann!!!

Indie, die das alles furchtbar ANKOTZT

27. Juli

Noch fünf Tage. Unsere Wohnung sieht schon grässlich leer aus. Ich kann Mums blöde Sprüche nicht mehr hören. Von wegen, wir befreien uns von allen materiellen Dingen. Blablabla. Wir streben nach Höherem. Nach Geistigem. Nach Erfüllung. Blablabla. Dieses ganze Engelsgewäsch von ihr, das sie seit kurzem ablässt, macht mich richtig aggressiv, und ich weiß nicht einmal, wieso. Mum weiß es schon: Angeblich reagiere ich so aggressiv, weil ich in meinem Innersten weiß, wie wichtig es für mich wäre, mich auch damit zu beschäftigen.
BLABLABLA, habe ich ihr gesagt. Ich KOTZ gleich. Und wenn sie denkt, dass ich irgendeinen bescheuerten Ritus mit ihr zusammen mache, auf irgendeinem Kissen herumlungere und dabei göttliche Energie versuche aufzusaugen: NEIN. Nein. Und nochmals NEIN.

Indie

26.Juli

Granny hätte das nicht gewollt, hat Dawna eben gesagt, und plötzlich haben wir uns so fest umarmt, dass unsere Rippen knackten. Ich spüre ihre Angst und ihre Sehnsucht. Beides sitzt in ihrem Herzen, genau wie es in meinem Herzen ist. Liegt es an den 33 Tagen, die uns wieder bevorstehen? Und daran, dass wir die letzten Jahre nie auf Whistling Wing waren. Immer hatte Mum einen Grund gefunden, wieso wir gerade in diesem Moment nicht zu Granny fahren konnten. Meist sind wir gerade zu der Zeit umgezogen, und Mum hat gesagt, Mädchen, ihr könnt mich damit nicht alleine lassen. Es ist doch unser Leben. Granny will uns sowieso nicht sehen.
So ein Unsinn. Granny hat uns geliebt, natürlich hätte sie uns gerne gesehen. Ich weiß bis heute nicht, wieso sich Mum immer geweigert hat. Ob Mum nur komisch ist, oder ob sie sich mit Granny gestritten hatte. Ich kann mir nur nicht vorstellen, wann sie sich gestritten haben könnten. Schließlich hat uns Mum immer nur nach Whistling Wing gebracht, und wieder abgeholt. Sie war nie bei uns, hat immer gesagt, sie bräuchte Zeit für sich, hat nicht einmal EINE EINZIGE NAcht übernachtet, war immer gleich wieder gefahren. Granny hat sie auch nie aufgefordert zu bleiben.
Aber gestritten haben sie nie.
Noch sechs Mal schlafen.

Indie, die gerade tierischen Hunger hat

25.Juli

Hatte schon wieder den Traum vom schwarzen Pferd. Es galoppierte am Gatter auf und ab, aufgeregt, den Kopf erhoben. Manchmal blieb es dann stehen, die Nüstern weit gebläht, der ganze Körper dampfte von der Anstrengung, und wieherte, als wäre da draußen irgendetwas, was es zurückrufen will, zurück auf die Koppel.
Dann spürte ich Hände an meinen Oberarmen, die mich festhielten. Ich erschrak, aber irgendwie auch nicht. Vielleicht hatte ich die ganze Zeit darauf gewartet, dass er kommen würde. Wieso ich wusste, dass es ein Mann war? Woher ich wusste, dass ein Mann auf mich warten würde? Ich weiß es nicht. Der Schwarze scheute, galoppierte von mir weg, weit weg, in die Wüste hinein.
Eine heisere Stimme flüsterte an meinem Ohr. Indie, ich musste kommen. Die ziehst mich an, ich brauche dich, wie das Licht. Wie die Luft.
Quatsch, denke ich mir ganz leise, aber die Hände an meinen Oberarmen machen mich schwach, ich kann plötzlich nicht mehr das sagen, was mir auf der Zunge liegt. Verfickte Scheiße, liegt mir auf der Zunge, was soll das für ein Scheiß-Gelaber sein!
Im Gegenteil, ich wünsche mir, er würde noch mehr von diesem Scheiß Gelaber ablassen.
Dann dreht er mich zu sich, ich schließe meine Augen, warte darauf, dass ich seine Lippen auf meine Lippen senken.
Und dann wache ich auf.

Noch 7 mal schlafen.

Indie

24.Juli

Ich habe den ganzen Vormittag nach Briefen gesucht. Ich bin mir sowas von sicher, dass die Briefe unglaublich wichtig wären. Was wollte Granny von Mum? War das ihr letzter Wille? Wie kann Mum nur alles verbrennen, noch dazu UNGELESEN!!! Manchmal frage ich mich, ob Mum Grannys Tochter ist. Wenn sie nicht mit uns verwandt ist, würde das zumindest erklären, wieso sie so viel QUATSCH macht!!!
Unter Mums Bett habe ich schließlich einen kleinen Fetzen gefunden, total zusammengeknüllt, als wäre es einfach Müll. Grannys schöne Schrift, unkenntlich … Dabei wäre es so wichtig. Wenigstens etwas, was uns an Granny erinnert. Vielleicht iIrgendetwas, was sie uns auf den Weg gegeben hat. Vielleicht irgendetwas, was sie NUR FÜR UNS geschrieben hat. Granny wusste doch, wie Mum tickt. Kaum meint sie, ihr tut es gut, Briefe zu verbrennen, verbrennt sie die, ohne auch nur einen Gedanken daran zu verschwenden, was für ein Riesen-Bullshit das ist! Mum hätte die Briefe bestimmt nur für uns aufbewahren sollen, und was macht sie? Verbrennen. Verbrennen. VERBRENNEN!!! Ich könnte ausrasten!
Der Fetzen Papier war auch nicht mehr richtig zu lesen, aber wenn ich mich nicht irre, waren die Wörter “Indies Geburtstag” darunter. Ich könnte heulen!!!

Noch acht mal schlafen, dann beginnen unsere 33 Tage…. :-(

Indie, die gleich einen ANFALL bekommt

23.Juli

Mum schürte Briefe ein. Was machst du da, habe ich sie gefragt. Was ist das? Mum wollte nicht antworten, sie hat jeden einzelnen Brief aufgefaltet, dabeietwas gemurmelt. Und ihn dann in die Flammen geworfen.
Geh zurück, hat sie dabei immer gemurmelt.
Wohin zurück. Mum, was soll das? Von wem sind die Briefe?
Beim letzten Brief habe ich die Schrift erkannt: Granny.
Sie sind von Granny. Sie sind von GRANNY, was MACHST DU DA??? Ich habe mir die Finger verbrannt, weil ich den letzten der Briefe versucht habe aus den Flammen zu retten. Ich muss mich befreien, hatte sie gesagt. Befreien, Scheiße, man kann sich doch nicht befreien, wenn man Briefe von Granny verbrennt!!!
Ich lese jetzt schon zum tausendsten Mal den Rest des Briefes, und er beunruhigt mich… ERINNERE DICH DARAN, UM WAS ICH DICH GEBETEN HABE. NACH MEINEM TOD DÜRFT IHR AUF KEINEN FALL … dann sieht man nur noch ein N, und etwas weiter unten ein NEHMT KEINEN und ein SEITE.
Was stand in diesem Brief? schreie ich sie an.
Ich habe ihn nicht gelesen, hat mir Mum müde geantwortet. Schätzchen, eure Granny war total verwirrt. Es ist besser, wir machen einen Schlussstrich.
Noch neun Mal schlafen, dann beginnen unsere 33 Tage.

22. Juli

Rückwärts zählen. Noch zehn Mal schlafen, dann habe ich Geburtstag. Noch zehn Mal schlafen, dann fahren wir nach Whistling Wing. Noch zehn Mal schlafen und … ja was? Ich sehe mich in der Scheune, aufgeschlagene Knie, aber trotzdem noch einmal gesprungen, tausendmal ins Heu hinein, hunderttausendmal … Ich sehe den Wüstenhund unter dem Himbeerbaum vor mir, sein Gesicht, das aussieht, als würde er lächeln, wenn er hechelt. Manchmal hat er sich einfach in die Sonne gelegt, lag dort wie tot. Wenn ich dann an ihm vorbeiging, wedelte er ein klein wenig, sonst bewegte sich gar nichts.
Der Wüstenhund. Wo ist er eigentlich? Wer hat sich um Whistling Wing die ganze Zeit gekümmert? Die Comtesse? Oder jemand von New Corbie?

21. Juli

Mum meditiert. Dawna ist irgendwo gegangen – seid unseres Streits wegen Jo redet sie nur das Nötigste mit mir. Mein ganzer Körper fühlt sich an, als würde es gerade gewaltig schief laufen. Ich habe richtig ANGST vor Whistling Wing. Und das, obwohl ich es immer geliebt habe! Aber es kann nicht mehr das geliebte Whistling Wing sein. Nicht ohne Granny. Es kommt mir so vor, als wäre mir gerade erst klar geworden, dass sie tot ist. Wir müssen jetzt vernünftig sein, hat Dawna gestern zu mir gesagt. Scheiß Vernunft, hab ich ihr geantwortet. Du bist schon seit deiner Geburt vernünftig. Mum sollte mal vernünftig sein!!
Wieso nicht irgendwo anders? Es gibt tausende von Orten, wo wir noch nie gewohnt haben. Wieso ausgerechnet Whistling Wing??

20.Juli

Oh wow. Ich habe mit Jo geknutscht. Also nur, weil ich mir schon denken kann, dass in Whistling Wing so etwas nicht läuft und ich nicht den Rest meines Lebens ungeküsst sein will. Hey, es ist dort supereinsam, und wir werden niemand kennenlernen. Und wenn wir Pech haben, sitzt Mum den ganzen Tag in ihrem Zimmer und ist depressiv. Nach dem Geknutsche ist mir eins klar geworden: Ich muss das echt nicht mehr haben, ganz ehrlich, es war super ekelhaft, und ich bin mir sicher, dass ich NIE wieder mit irgendjemandem knutschen werde. Ich werde auch NIE wieder Dawna empfehlen, mit Jo zu knutschen. Ich kann echt nicht verstehen, was die ganzen Mädels da immer für eine Show abziehen. EHRLICH.

19.Juli

Dicke Regenwolken hängen über der Stadt. Dawna steht vor dem Fenster und sieht hinaus. Ich kann ihre Gedanken nicht lesen – das kann ich nur in unseren 33 Tagen, aber ich bin ziemlich gut im Raten. Regen, denkt sie, das wird es auf Whistling Wing nicht geben. In den 33 Tagen, in denen wir früher auf Whistling Wing waren, hatte es nie geregnet. Manchmal trieben Wolkenfetzen über den blauen Himmel, machten uns Hoffnung auf etwas Abkühlung. Nach einer Abkühlung, die nie kam. Auch wenn ich es nicht will, verschwimmt immer mehr das Leben hier in Bedeutungslosigkeit. Als hätte sich mein Geist schon längst aufgemacht nach Whistling Wing.
Ich sehe Dawna gerne an, auch wenn sie düster in den Himmel starrt. Sie strahlt immer genau die Geborgenheit aus, die ich brauche. Und dann ärgere ich mich darüber, dass wir uns wegen Jo streiten.

Indie

18. Juli

Ich habe ein scheißblödes Gefühl. Dawna sieht aus, als hätte sie Angst vor unseren 33 Tagen. Das erste Mal ohne Granny, hatte sie vor kurzem gesagt.
Dieses Jahr war ALLES das erste Mal ohne Granny. Genau genommen haben wir schon jahrelang unsere Granny nicht gesehen, obwohl sie noch lebte. Insofern ist es eigentlich egal. Eigentlich. Aber ich habe trotzdem gespürt, dass sie bei uns ist, irgendwie. Und jetzt ist alles anders.Weiß nicht, woran es liegt. Es ist anders.

Indie

17. Juli

Ok. Jetzt ist es roher Broccoli. Ständig neue Kacke, die sich Mum ausdenkt. Raw Foodie, also, allen Ernstes, das ist sowas von zum Kotzen! Und was ich noch grässlicher finde ist, dass Dawna MITMACHT, sie setzt sich hin und tut so, als wäre es ganz normal, dass man so einen Quatsch in sich hineinstopft. Was sind wir hier? Hasen? Kaninchen? Aber Dawna säbelt ungerührt an ihrem Broccoli herum, und isst den Scheiß. Was soll das, habe ich sie gefragt. Mal ehrlich, außer Blähungen hat man da nix von! Das ist doch unwichtig, hat sie geantwortet. Klar. Ich könnte auch überfahren werden, das wäre schlimmer. Aber wenn ich schon überfahren werde, will ich vorher satt sein.

Indie

16. Juli

Whistling Wing verfolgt mich bis in meine Träume. Ich sehe den Himbeerbaum vor mir, Grannys Himbeerbaum. Darunter ein Mann, ich blicke in seine Augen, sie sind freundlich und gut. Er lächelt mich an, voller Liebe, und ich will auf ihn zulaufen. Bleib stehen. Warte auf mich, pocht mein Herz. Ich strecke meine Hand aus, ich will seine Hand mit meiner umfangen und festzuhalten, und auch er streckt seine Hand nach mir aus. Aber ich laufe zu LANGSAM, und während ich mich mühsam dem Baum nähere, wird es Herbst, der Baum verliert die Blätter und hüllt sich in Nebel.
Der Mann ist weg.
Es bleibt die Sehnsucht.
Was träume ich da? Dass mich meine Wünsche zerreissen? Ich sehne mich nach Whistling Wing und gleichzeitig weiß ich, dass dort nichts auf mich wartet?

Indie

15. Juli

Heute hätten Jo und mich fast die Bullen erwischt. Jo war total sauer auf mich, ich habe mir echt keine Mühe gegeben, schnell zu sein. Sollen sie mich doch mal schnappen!!! Das wäre doch mal eine tolle Abwechslung, wenn mich die Polizei nach Hause bringt. Oder Mum mich aus dem Gefängnis holen muss. Vielleicht wird ihr dann klar, dass sie sich EINMAL in ihrem Leben um UNS kümmern muss, und nicht um ihre blöden Einfälle, die sie ständig hat. Dawna hat mich richtig angeschrien, nachdem Jo ihr alles gepetzt hatte. Natürlich um sich bei ihr einzuschleimen. Aber Dawna interessiert sich trotzdem nicht für ihn. Und ich brauche Jo AUCH nicht, um Spaß zu haben, ER braucht MICH um Spaß zu haben, so sieht das aus. :-(((

14. Juli

Der SUPER-GAU ist eingetreten!!! :-((( Mum will weg, und zwar nicht in die nächste Stadt, sondern nach Whistling Wing. Nicht in einem halben Jahr, nicht in einem Monat, sondern möglichst heute noch.
Was soll das? Die ganze Zeit hat sie sich geweigert. Das ganze beschissene Jahr! Nicht einmal zur Beerdigung von Granny wollte sie. Mädels, ich bin noch nicht soweit, hat sie gesagt. Wie bitte? Sie ist noch nicht so weit, an ner Beerdigung teilzunehmen? Hey, du musst da keine Grabrede halten, Mum, hatte ich sie angefaucht, sondern nur mal zeigen, dass Granny dir was bedeutet hat! Das brauche ich mir nicht sagen lassen, hat sie geantwortet und hat die Wohnung für Stunden verlassen.
Manchmal frage ich mich, ob meine Mutter in der Pubertät ist. Sie hat extreme Stimmungsschwankungen und ist total launisch. Sie wird trotzig, wenn man eine andere Meinung hat. Und wenn sie von einem Mann begeistert ist, wird sie total albern.
Das kennen wir ja jetzt zu genüge. So war sie schon immer. Aber wieso JETZT Whistling Wing???
Ich bleibe hier, soll sie doch machen, was sie will!!!

Indie :-(

13. Juli

Der Traum war so realistisch, dass ich meinte, die Hitze zu spüren, die über dem dürren Gras flimmerte. Ein Hauch von Thymian und Salbei umwehte meine Nase, der Staub hatte sich auf die Zunge gelegt, der Sand juckte in den Augen. Eine Bewegung in weiter, weiter Entfernung ließ mich aufblicken, die Augen zusammenkneifen. Ein schwarzes, edles Pferd. Als würde es auf mich warten. Nur wie eine Erscheinung, etwas, das es nicht gibt, etwas, das nicht einmal ein Traum ist. Neben ihm ein Mann… Oder auf ihm? Zu weit entfernt, nur ein Flimmern über dem Boden. Wieso lässt das noch im Nachhinein mein Herz rasen, breitet sich allein bei dem Gedanken daran ein wohliges Gefühl im Bauch aus? Als wäre es real. Als wäre ER real. Männlich, breitschultrig, muskulös. Mit dunklen Haaren und einem Blick, fest auf mich gerichtet, obwohl ich so weit weg war.
Bin ich etwa doch in Jo verliebt? Meine Scheiße, das wäre jetzt echt das Letzte, was ich brauchen kann! Jo ist auch dunkelhaarig. Aber von männlich und so echt Milliarden von Lichtjahren entfernt. Vielleicht habe ich auch von Mums tollen Engelsguru geträumt. Die sind zwar normal eher schlacksig und pickelig, aber wer weiß, vielleicht hat sie ja mal Glück, und trifft auf einen echt coolen Typen.

Indie XXOO

12. Juli

Dawna hat schon wieder das Thema Jo aufgewärmt. Das schlimmste daran ist, dass er eigentlich hinter Dawna her ist, und Miss Rührt-mich-nicht-an das überhaupt nicht merkt. Er steht gar nicht auf mich. Das ist das eigentlich traurige!Dass er im Grunde gar nicht MIR an die Wäsche will, sondern IHR. So sind sie ALLE. Sie wanzen sich an mich ran, damit sie einen Blick auf die tolle Dawna werfen können.
Dawna. Dawna. Dawna. Ist Dawna heute zu Hause. Was macht Dawna denn, in welche Klasse geht Dawna, hat sie einen Kerl, die tolle Dawna. Aber Dawna hat keinen Kerl. Sie sieht durch sie alle DURCH, ist ja mehr damit beschäftigt, MICH zu erziehen.
Scheiße.
Außerdem wäre alles viel einfacher, wenn mich dieses Herumerziehen kalt lassen würde. Sie hat ja recht. Sie hat immer recht, sie ist wie eine Mutter, die schon eine halbe Stunde vorher weiß, wann ihr Kind ausrutscht. Nur, dass ich nicht ihr Kind bin. Weißt du, was ich dir vorschlage, Schätzchen, habe ich ihr gesagt, knutsch doch mal eine Runde mit Jo. Du musst einfach einen Tick lockerer werden, weißt du. Mal an dich denken, und nicht an mich. Und Jo kennt sich mit Herumknutschen aus, da bin ich mir ganz sicher. Bei mir hat er es auch probiert, aber irgendwie ist mir so ganz automatisch die Hand ausgerutscht. Jedenfalls bin ich mir sicher, dass er zumindest beim Küssen was drauf hat. Für Autos aufbrechen fehlt ihm ein klein wenig das Gespür, aber bei Mädels ist er ganz gut. Und Dawna hat gesagt, ich soll nicht ständig so einen irrsinnigen Quatsch erzählen.
Ich glaube, ich werde mich nie verlieben. Ich bin nicht einmal in Jo verliebt, obwohl wir echt viel miteinander abhängen.

Indie

11. Juli

Dawna ist nicht 17, sondern irgendetwas zwischen 40 und 120! Sagt sie nicht gerade zu mir, dass ich mich von Jo fernhalten soll. Dass mir der Kerl nur an die Wäsche will. Hey. Wow. Sag nur! Und dann noch dieses, “ich hab gehört, der knackt Autos”. Der knackt gar keine Autos, hätte ich am liebsten gesagt. Wer hier Autos knackt, bin ich, verstehst du. Ohne mich würde der keinen einzigen Wagen aufkriegen. Aber ich habe lieber meinen Standardspruch abgelassen. „Kümmer dich um deinen eigenen Kram“. Miss Ich-mach-alles-richtig soll sich doch mal lieber darüber Gedanken machen, wie sie sich mit 40 mal fühlt, wenn sie schon 30 Jahre lang 40 war!!

Indie

10. Juli

Juli ist eine ganz blöde Zeit. Die Stadt ist heiß, die Luft steht zwischen den Häusern und in meinem Kopf staut sich die Hitze und die Gedanken. Manchmal denke ich, das liegt daran, dass wir einfach zu oft umgezogen sind: Ich werde richtig blöd im Kopf, wenn wir länger als ein halbes Jahr in derselben Wohnung sind. Wenn sich plötzlich die Schränke füllen mit Dingen, die vielleicht doch eine Bedeutung für mich haben könnten. Ganz normale, langweilige Dinge. Vielleicht ist es aber auch mein Geburtstag. Unsere 33 Tage augenverdreh. Ich bin jetzt einfach zu alt für diesen Scheiß. Diese komische Elektrik zwischen uns. Dieses bescheuerte Ich-weiß-was-du-grad-denkst-Schätzchen. Vor ein paar Jahren war das vielleicht ganz witzig, aber inzwischen find ich es nur noch Scheiße. Vielleicht wird es ja dieses Jahr anders.
Vielleicht werde ich aber unruhig, weil Mum schon so lange gut drauf ist. Angeblich, weil sie einen Mann kennengelernt hat, der „das Spiegelbild“ ihrer Seele ist. Pah! Was heißt hier Spiegelbild. Jeder ihrer Männer ist am Anfang das Spiegelbild ihrer Seele. Jeder Mann tut ihr total gut, bis sie merkt, dass er der Allerletzte ist.
Gibt’s den überhaupt, wollte Dawna von mir wissen, weil er bei uns nicht aufkreuzt. Das ist mir echt scheißegal, obs den Typen gibt oder nicht. Und mir ist es gerade recht, wenn er hier nicht auftaucht. Vermutlich kennt sie ihn nur von ihrer Angel-Platform, und es ist gar kein Mann, sondern eine 80jährige Frau, die sich als 30jähriger Guru ausgibt.

Indie

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